Generation Y - keine Ahnung aber Spaß daran

Die so genannte Generation Y gilt als Internet-affin und absolut trittsicher in der Netzwelt. Diese Einschätzung wird jetzt durch neue Studien in Zweifel gezogen.

Sie werden als "Digital Natives", "Cyberkids" oder schlichtweg als Generation Y bezeichnet. Sie haben das Internet praktisch mit der Muttermilch aufgesogen und bewegen sich mit traumwandlerischer Sicherheit durch die ewigen Weiten des Netzes...

So oder so ähnlich fangen hunderte von Feuilleton-Artikel, Kommentare oder Reportagen über das Medienverhalten von Jugendlichen an. Neuere Studien nehmen dem Bild der Generation Y allerdings den Wind aus den Segeln. Demnach muss die gemeine Vorstellung vom Lebenswandel durch die soziale Revolution Internet differenziert werden. Die Jugend nutzt das Web 2.0 spielerisch, keine Frage. Aber wie?

Informiert aber nicht versiert

Ein Teil der Aussagen über die Generation Y ist zweifelsohne wahr: Laut Statistik haben 98 Prozent der 12- bis 19-Jährigen Zugang zum Internet. Sie widmen laut einer Erhebung des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest im Durchschnitt 134 Minuten am Tag dem Netz - gerade mal drei Minuten weniger als der durchschnittliche Fernsehkonsum in der Alterskohorte. Auch geht der Netz-Nachwuchs sehr viel unbefangener mit den schier unendlichen Online-Möglichkeiten um. Jede Anwendung wird einfach mal ausprobiert. Und genau an diesem Punkt muss das Bild der Generation Y korrigiert werden: "Sie bringen jedes Programm zum Laufen, und sie wissen, wie sie sich Musik und Filme besorgen können. Aber wirklich gut darin ist auch nur eine Minderheit", sagt der Hamburger Bildungsforscher Rolf Schulmeister. Seiner Meinung nach wird das Bild der Generation Y durch einzelne Online-Artisten gestützt, die keinesfalls eine ganze Generation repräsentieren. Viele Teenager interessieren die hochgelobten Neuerungen des Web 2.0 überhaupt nicht. Der Security-Spezialist Barracuda untersuchte über 25 Millionen Twitter-Accounts. Ein Großteil davon wird von unter 30-Jährigen betrieben. Erstaunlich daran ist, dass über 30 Prozent aller Accounts keinen einzigen Tweet zu verzeichnen haben.

Nachhilfe für die Generation Y

Bei mittlerweile alltäglichen Vorgängen herrscht anscheinend eine Selbstüberschätzung der Jugendlichen vor. In einigen Schulen in Deutschland steht Googeln bereits auf dem Lehrplan. Ein für junge Menschen vermeintlich alter Hut, die meisten nutzen die Suchmaschine täglich. Wenn es aber um die Qualität der Suche geht, wissen die meisten Lehrer anderes als Versiertheit über ihre Schüler zu berichten. Vielen fällt es schwer, die Flut an Informationen zu bewerten und qualitativ einzuordnen. Die Autoren einer Studie der British Libary verkünden: "Die Generation Y weiß kaum, wonach sie suchen soll. Die Informationskompetenz junger Leute hat sich mit dem breiteren Zugang zur Technik nicht gebessert."

Generation Y nutzt verlängerten technischen Arm

Vielmehr dient das Internet den Jugendlichen als verlängerter technischer Arm, um Austausch mit ihren Altersgenossen zu pflegen. Das Netz ist für sie keine eigene abgegrenzte Welt, sondern nur eine erweiterte Realität. Jeder kann darin sein Image und seine Außenwahrnehmung steuern, sich aber auch nach Belieben unterhalten lassen. Eine Studie des Hans-Bredow-Instituts bestätigt diese Einschätzung. Unter dem Titel "Heranwachsen mit dem Social Web" wurden zahlreiche qualitative Interviews mit jungen Menschen geführt. Das Ergebnis: Freundschaftspflege steht an Nummer eins der Motive für Internetnutzung. Der Unterhaltungswert folgt an zweiter Stelle. Die Nutzung des Video-Portals You Tube oder zahlreiche Internetradios galten und gelten als ernstzunehmende Bedrohung für die Musikindustrie. Auf diese Weise übernimmt das Web 2.0 langsam die Aufgaben älterer, etablierter Medien. Kaum eine News, die nicht online abgerufen werden kann, kaum ein Lied, dass nicht auf You Tube zu finden ist.

Internet kein Selbstzweck für die Generation Y

Dennoch gibt es im Leben der Generation Y weitaus wichtigere Dinge als das Internet. Das Netz erfüllt keinen Selbstzweck, sondern wird nur in vielen Bereichen, etwa bei der Freundschaftpflege als Hilfsmittel zugezogen. Für 90 Prozent der Jugendlichen ist laut des Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest das Treffen mit Freunden - und zwar mit physischer Anwesenheit - der wichtigste Freizeitwert überhaupt. Auch betreiben über drei Viertel der Jungen mehrmals die Woche Sport, bei Mädchen immerhin knapp zwei Drittel. Sicherlich wird darüber hinaus viel Zeit Online verbracht. Diese ist heute allerdings kombinierbar mit einer Vielzahl anderer Aktivitäten: Musik hören, nebenbei über Skype telefonieren oder für die Schule lernen schließt sich nicht mehr aus.

Freundschaftspflege, Online-Unterhaltung - hört sich nicht gerade nach einer Sozialrevolution an. Das Internet ist für die Generation Y nichts Besonderes mehr, kein Medium das die Welt in ihren Grundfesten erschüttert. Es gehört schlicht und einfach zum Alltag, solange es alltagstauglich ist. Genauso wie für viele ältere Menschen die morgentliche Zeitungslektüre.

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