Der Schwarm greift an – Recherchen durch die Crowd

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Denken Sie einmal kurz an Ihre Grundschulzeit zurück. Auf dem Pausenhof wurde ein Gerücht verbreitet und schwups wusste die ganze Schule davon. Das Opfer war gebrandmarkt. Leider stellte sich erst im Nachhinein heraus, dass das Pausenbrot doch nicht von der neuen Schülerin geklaut wurde. Aber der Ruf war getrübt. So oder so ähnlich könnte es bald auch manchen Unternehmen ergehen.

Für Journalisten und Verlage sind es definitiv keine einfachen Zeiten. Sie sind auf der Suche nach neuen Erlösmodellen und müssen sich in der Online-Informationsflut behaupten. Journalisten sollen weiterhin Gatekeeper sein. Also relevante Themen filtern und zudem differenziert und objektiv berichten, damit sich Leser eine Meinung bilden können. Doch durch den digitalen Wandel wird das immer schwieriger: Jeder wird zum Autor, jeder kann seine Informationen auf einfache Weise verbreiten.

In Zeiten wie diesen entstehen neue, teils kreative Modelle, die den Journalismus revolutionieren sollen. Nach der Journalismus-Plattform Krautreporter, die sich werbefrei über Crowdfunding finanziert, wurde vor einiger Zeit ein neues Modell aus dem Boden gestampft. Correct!V heißt diese Plattform und der Name soll Programm sein. Correct!V ist das erste gemeinnützige Rechercheportal im deutschsprachigen Raum und will umfangreiche Themen, Missstände und Herausforderungen unserer Gesellschaft beleuchten. Der Vorteil: Jeder kann sich an den Rechercheergebnissen bedienen.

Jeder kann Recherche. Sagt David Schraven.

Das System funktioniert ziemlich simpel - jeder Bürger kann für die Plattform recherchieren und seinen Beitrag zu den Projekten leisten. Also eine Art Journalismus für jedermann - Bürgerjournalismus. Laut Correct!V können so auch komplexe Sachverhalte durch die Crowd erfasst und wichtige Themen ans Tageslicht gebracht werden. Die Ergebnisse werden dann ganz problemlos auf der Rechercheseite von Correct!V hochgeladen. Der Schöpfer David Schraven ist der Meinung, dass jeder professionelle Recherchearbeit erlernen kann. Deshalb gibt das Portal dann auch gleich noch praktische Tipps in Sachen Recherche und passende Online-Instrumente.

Große Medien wie die FAZ sind bereits auf den Zug aufgesprungen. Aktuell recherchieren Bürger Kennzahlen aus Geschäftsberichten der Deutschen Sparkasse. Unter dem Motto „Sparkassen-Check“ wird die Bevölkerung nicht nur auf der Plattform, sondern auch durch Artikel in der FAZ um Hilfe gebeten. Hier erklärt sich der große Vorteil eines solchen Portals: Ein einzelner Journalist wäre niemals in der Lage diese Daten so schnell deutschlandweit zu sammeln und das quasi kostenlos. Denn die „Bürger-Journalisten“ recherchieren freiwillig und ohne jedes Entgelt.

Aktivismus statt Journalismus?

Damit sich viele Menschen für diese Recherche berufen fühlen, stehen am Anfang eines jeden Projekts oft tendenziöse Thesen, wie „Immer mehr Sparkassen machen Verluste – weil Lokalpolitiker in der Kreditvergabe mitmischen. Das belastet die Kommunen.“ Das animiert natürlich, sich dieser Empörung anzuschließen. Kritiker sprechen hier zurecht von der Gefahr zum Aktivismus, der im Extremfall auch zum digitalen Pranger ausarten kann.

Es stellt sich die Frage, wie sinnvoll es ist, Investigativ-Recherchen zu komplexen Themen mehrheitlich Laien zu überlassen. Noch dazu wenn eine neutrale Informationssammlung nahezu unmöglich ist, da vor einer jeden Recherche eine negative Grundthese steht. Lässt sich das noch mit dem Pressekodex und der journalistischen Sorgfaltspflicht vereinbaren? Die FAZ sagt ja, denn jede Daten- oder Fakten-Sammlung werde natürlich weiterhin von ausgebildeten Journalisten überprüft und bewertet. Doch wie wollen Medien die gesammelten Informationen auswerten, wenn sie nicht neutral oder teilweise falsch sind? Ist diese Auswertung nicht auch ein erheblicher Mehraufwand?

Ausschwärmen für den richtigen Zweck

Crowd-Recherche kann ganz klar eine Chance sein. Vor allem, da sie aufklärenden Journalismus für jeden Verlag, jedes Medium erschwinglich machen kann. Sie ermöglicht viel Material und viele Quellen in weniger Zeit. Doch die Risiken liegen auf der Hand. Der verantwortungsvolle und kritische Umgang mit diesen Datenbeständen ist schwierig.

Wie sinnvoll die Hilfe von Correct!V ist, kommt letztlich auf die Fragestellung an. Wenn Thesen nicht bewertet, sondern nur belegt werden sollen, sind Recherchen durch die Bevölkerung eine gute Sache. Beim Bayern-Ei-Skandal zum Beispiel wurden die Bürger in die Läden geschickt, um herauszufinden in welchen Filialen die Eier verkauft wurden. Das hat wunderbar funktioniert. Doch bei sensiblen Themen wie Korruptionsverdacht sollten Journalisten lieber auf eigene Recherche setzen. Denn das Risiko, dass der Schwarm angreift und die Reputation der Beteiligten aufgrund von falschen Informationen zerstört, ist viel zu hoch.

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