Social Media Kampagne als Instrument für NGOs - Mit Hashtag helfen

Twitter-Kampagne #ichhabnichtangezeigt

NGOs nutzen Social Media bereits seit Jahren aktiv für ihre Kommunikation. Kampagnen zu Themen wie Umwelt- und Artenschutz, Klimawandel oder Menschenrechte erreichen über Facebook&Co. ein Millionenpublikum. Jetzt hat eine Gruppe von ehrenamtlichen Aktivistinnen die Twitter-Kampagne #ichhabnichtangezeigt ins Leben gerufen, bei der es um das Tabuthema sexueller Missbrauch geht. Vorbild waren Kampagnen in England #ididnotreport und Frankreich #jenaipasportéplainte. Wie kann eine Social Media Kampagne zu einem Tabuthema funktionieren? Ein Kampagnen-Check:

Social Media und Tabus

Via Twitter, Facebook und Blog gibt die Kampagne #ichhabnichtangezeigt Opfern von sexuellem Missbrauch eine Stimme. Bis Ende Mai können betroffene Frauen und Männer ihre Erfahrung auf Social Media Plattformen anonymisiert teilen. Die Initiatoren wollen der vorherrschenden Schweigekultur den Kampf ansagen, das Tabu brechen und mehr Opfer zu einer Anzeige ermutigen. Dabei räumen sie gleichzeitig mit einem großen Vorwurf von Social Media Kritikern auf: Social Media ist nicht nur stupider Zeitvertreib, sondern kann auch ernst und tiefgründig sein. Und dabei vielleicht sogar die Welt verbessern.

Social Media – Nur oberflächliche Plattformen?

Social Media Plattformen und ihren Benutzern werden nicht selten Selbstdarstellungsdrang, Oberflächlichkeit, Schnelllebigkeit, Ignoranz und fehlender Tiefgang vorgeworfen. Anfang diesen Jahres rief so zum Beispiel der Hype um Kony2012 starke Kritik hervor: Inhalte würden kopf- und gedankenlos geteilt, Themen würden nur angekratzt, jeder könne die niedrige „Shareschwelle“ nutzen, um eine Masse von Menschen für ihr Anliegen zu gewinnen – und das schnell, einfach und unreflektiert via Social Media.

Doch so schnell wie der Hype gekommen ist, ist er auch schon wieder vergessen. Durch die Informationsflut, zum Beispiel auf Twitter, werden Inhalte nur oberflächlich rezipiert, private Leeraussagen mischen sich mit Empörung in 140 Zeichen und gerade Gelesenes wird sofort von neuer Information überlagert. Ein weiterer Vorwurf von all denjenigen, die Tiefgründigkeit in den Tiefen der Informationsflut und Weitsicht in den Weiten der Weblandschaft suchen.

Sharing is Caring – Auch echte Weltverbesserer tummeln sich auf Facebook und Co.

Ist das das Ende der Ernsthaftigkeit? Nein, beweist die brandaktuelle Kampagne, die gerade in Deutschland auf Twitter und Facebook um sich greift. Die Aktion #ichhabnichtangezeigt ist ein Paradebeispiel dafür, dass mit Shares, Tweets und Hashtags die Welt ein kleines Stückchen gerechter – oder hier aufgeklärter - werden kann.

Obwohl - oder gerade weil? - Vergewaltigung nicht gerade ein Thema ist, das „gesellschaftsfähig“ ist, erfährt die Social Media Kampagne #ichhabnichtangezeigt eine unglaubliche Resonanz. Bereits hunderte Erfahrungsberichte sind bei Sabina Lorenz und ihren Kolleginnen des „Aktionskreises gegen sexualisierte Gewalt“ eingegangen, das Hashtag wird häufig getweetet und geshared. Artikel auf EMMAonline und in der Süddeutschen Zeitung beweisen, dass der Sprung von Social Media (sogar Pinterest!) zu „echtem“ Medienecho für ernsthafte Themen doch nicht so weit ist.

Erfolgreiche Social Media Kampagnen gegen sexuelle Gewalt in Europa

Die Vorbilder für die Kampagne in Großbritannien (#ididnotreport) und Frankreich (#jenaipasportéplainte) sorgten für noch größeres Aufsehen. In Frankreich gingen viele hunderte Erlebnisberichte von Opfern von sexueller Gewalt ein. Viele Twitterer aus allen beteiligten Ländern tweeten nicht nur den jeweiligen Hashtag der Aktion ihres Landes, sondern die Hashtags in allen Sprachen. So verbreitet sich auch die deutsche Kampagne über die nationalen Grenzen hinaus weiter. Das Thema wurde in den Vorreiter-Ländern von den größten Tageszeitungen und sogar im TV aufgegriffen. In Schweden, Italien und Spanien sind bereits weitere Kampagnen in Arbeit.

5 Gründe für den Erfolg der Social Media Kampagne #ichhabnichtangezeigt

Warum funktioniert genau diese Social Media Kampagne – trotz Tabu?

  1. Anonymität: Die häufig kritisierte Anonymität der Nutzer wird hier bewusst hergestellt und ist wichtiger Schutz für die Betroffenen. Sie können ihre Geschichte erzählen, ohne sich vor Familie, Bekannten und der Öffentlichkeit zu outen. Die Hemmschwelle ist niedriger.
  2. Sensibilität: Das Thema wird mit dem nötigen Feingefühl angegangen. Der Kampagnenbegleitende Blog thematisiert die Schwere des Vergehens und beschreibt, mit welchen Ängsten Opfer kämpfen. Eine Trigger-Warnung warnt davor, dass Inhalte und Posts zu einer Retraumatisierung beitragen können und schützt Betroffene.
  3. Keine Provokation: Anders als zum Beispiel bei vielen Greenpeace-Aktionen kommt die Kampagne komplett ohne (scheinbar) massenwirksame Skandalisierung und Provokation aus. Kein angsteinflößendes Video, keine weinenden Menschen. Klare Fakten und relativ neutral gehaltene Aussagen von Opfern spielen die Hauptrolle. Sind eingeschickte Erlebnisberichte zu detailliert, werden sie gekürzt oder entschärft. Gerade die Tatsache, dass die Kampagne nur sehr gering emotional aufgeladen ist (anders als Kony2012) lässt das Problem noch realer wirken und trägt zur Seriosität der Kampagne und damit zur hohen Teilbereitschaft bei.
  4. Weitsicht: Die Kampagne hat eine klare Struktur mit genau definierten Zielen. Kurzfristig soll sie den Opfern eine Stimme geben und Aufmerksamkeit erregen. Langfristig soll die Kampagne eine Diskussion starten und dazu beitragen, das Thema sexuelle Gewalt zu enttabuisieren. Die Aktivistinnen wollen letztendlich die Hemmschwelle zur Anzeige und somit die Dunkelziffer von sexueller Gewalt senken. Die klare, einfache Konzeption und eine durchdachte, weitsichtige Zielsetzung tragen maßgeblich zum Erfolg der Kampagne bei.
  5. Einfachheit: Die Initiatoren machen sich die einfache Teilfunktion via Twitter und Facebook zunutze. Das Hashtag #ichhabnichtangezeigt ist aussagekräftig. Das Blog der Kampagne ist nutzerfreundlich und schnörkellos.

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