Shitstorm bei Olympia 2012: NBCs Version von live

Vor 64 Jahren kannte man in London noch keine Shitstorms

Seit Beginn der diesjährigen Olympischen Sommerspiele tobt im Internet ein Shitstorm. Die Berichterstattung des amerikanischen Fernsehsenders NBC geriet ins Visier der Online-Community. Was amerikanische Zuschauer bei der Eröffnungsfeier der Spiele sahen, war nicht live. Angesichts der Zeitverschiebung verständlich. Die Moderatoren versuchten aber den Eindruck einer Live-Übertragung zu vermitteln. NBC nahm außerdem fragwürdige Kürzungen vor. Programmpunkte zum Gedenken an die Opfer der Terroranschläge in London 2005 fehlten.

Trotz harscher Kritik der Zuschauer verfährt NBC bei der Übertragung der Wettkämpfe nach dem gleichen Muster. Beliebte Disziplinen laufen unabhängig von ihrer tatsächlichen Wettkampfzeit zur Prime-Time. Dass Gewinner teilweise längst feststehen, ignoriert der Sender und spiegelt Live-Sendungen vor. In Zeiten des Internets und von Social Media unmöglich.

Manipulation statt Transparenz

Transparenz steht im Vordergrund bei Olympia 2012. London hat sich auf die Flagge geschrieben, die „Social Media-Games“ auszurichten. Sportler sollen sich ungezwungen in Social Media über das Geschehen äußern. Das finanzieren NBC und Kooperationspartner Twitter. Besucher twittern als freiwille Berichterstatter sowieso über die Olympischen Spiele. Via Stream bietet NBC die Spiele komplett und ohne Unterbrechung im Internet. Dies soll eine Ergänzung zu den ausgewählten Fernsehübertragungen darstellen. So viele Infos zu den Olympischen Spielen gab es wahrscheinlich noch nie. Es sieht auf den ersten Blick nach der perfekten Symbiose von alten und neuen Medien aus. Diese hält der näheren Betrachtung aber kaum stand. Der Zugriff auf den Stream ist NBC-Abonnementen vorbehalten. Außerdem gibt es keine redaktionelle Bearbeitung des Streams. Kommentare oder Infos fehlen vollständig. Kommentierte Wettkämpfe sind nur im TV auf NBC zu sehen. Doch der Zuschauer bekommt keine seriöse Berichterstattung, sondern künstlich erzeugte Spannung und Show.

NBC-Zielgruppe sind Werbesponsoren, nicht Zuschauer

NBC hat die Übertragungsrechte teuer eingekauft. Der Sender muss viele Werbebotschaften platzieren, um Gewinn zu erwirtschaften. Emotionale Manipulation der Zuschauer soll die Einschaltquoten daher nach oben treiben. Beliebte Disziplinen dienen auch den Quoten. Das erklärt das Motiv von NBC: ein spannendes Wettschwimmen vom Nachmittag interessiert mehr als das unspektakuläre Fechten am Abend. Die Konsequenz, Aufzeichnungen live darzustellen wirkt logisch.

Auf Kritik folgt Zensur

Der britische Journalist Guy Adams machte #nbcfail auf Twitter populär. Als Korrespondent des Independent in den USA, beschwerte er sich via Twitter über die zensierte „Live“-Übertragung der Eröffnungsfeier. Adams twitterte die geschäftliche E-Mail-Adresse des NBC-Senderchefs, damit sich andere Nutzer direkt beschweren können. Twitter riet NBC als offizieller Partner, Beschwerde einzulegen. Mit der Veröffentlichung der Mail-Adresse hätte Adams gegen offizielle Richtlinien verstoßen. Twitter sperrte schließlich den Account. Diese Zensur trat den Shitstorm erst richtig los. Schnell stellte sich heraus, dass Adams mit seinem Tweet im Recht war. Da es sich um eine geschäftliche Mail-Adresse des NBC-Chefs handelte, entsperrte Twitter den Account einen Tag später. Die Zensur zeigt, dass NBC momentan nicht weiß, wie es mit der Kritik umgehen soll. Die Angst vor dem Verlust von Werbeeinnahmen sitzt tief.

NBC ist ein Gewinner auf Zeit

Das Fernsehen kann das Internet als Informationsquelle nicht schlagen. Die Masse und die Geschwindigkeit der Informationen, die das Internet bietet, sind für TV unerreichbar. Die Stärke des Fernsehens liegt darin, dass es Informationen filtert und redaktionell bearbeitet. NBC hat sich bei diesen Olympischen Spielen eine „Vormachtstellung“ gekauft. Aus Mangel an sinnvollen Alternativen bleibt dem Fan nichts anderes übrig, als sich die Übertragungen trotz Manipulation und Zensur anzusehen. Das erste Olympia-Wochenende hat die höchsten Einschaltquoten, die die Olympischen Spiele jemals im US-TV hatten. NBC kann somit den Shitstorm entspannt über sich ergehen lassen. Was aber mit den Einschaltquoten passiert, wenn es eine hochwertige Alternative online gibt, ist abzusehen. NBCs Geschäftsmodell ist nicht langfristig gedacht. Ohne ein ausgebautes Online-Angebot ist die Schlacht zwar gewonnen, aber der Krieg verloren.

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