PR-Agentur München
5 Min. Lesezeit

Warum Hochglanz-Employer-Branding im Gesundheitswesen scheitert

Hochglanz-Kampagnen und starke Markenbilder funktionieren in Branchen wie Konsumgüter oder Tech – im Gesundheitswesen jedoch meist nicht. Warum stößt klassisches Employer Branding gerade hier an seine Grenzen?

Gegenüberstellung von Hochglanz-Employer-Branding und authentischer Arbeitsrealität im Gesundheitswesen: links inszenierte Recruiting-Kampagnen, rechts Pflegekräfte im echten Arbeitsalltag.

Dynamisch und fordernd: Ein Arbeitsmarkt, der anders tickt  

Warum klassisches Employer Branding im Gesundheitswesen meist scheitert, zeigt sich erst beim Blick auf die besonderen Rahmenbedingungen dieses Arbeitsmarktes. Hohe Verantwortung, intensive Arbeitsbedingungen und emotionale Belastungen prägen den Berufsalltag vieler Beschäftigter. Der Arbeitskontext ist anspruchsvoll, häufig wenig planbar und stark von zwischenmenschlichen Beziehungen geprägt. 

Vor diesem Hintergrund zählt für Mitarbeitende weniger ein perfekt inszeniertes Arbeitgeberimage als das, was sie täglich tatsächlich erleben: Arbeitsbelastung, Erschöpfung, Dienstpläne, Führung, Teamkultur und der Umgang mit knappen Ressourcen. Die erlebte Realität ist hier der zentrale Maßstab für Attraktivität – nicht das kommunizierte Versprechen. 

Genau an dieser Stelle geraten viele klassische Employer-Branding-Maßnahmen an ihre Grenzen. Hochwertig produzierte Employer-Brand-Videos, emotional aufgeladene Social-Media-Kampagnen oder gamifizierte Karriereseiten mögen in anderen Branchen Sichtbarkeit erzeugen. Im Gesundheitswesen schaffen sie jedoch häufig weder Vertrauen noch realistische Erwartungen an den Arbeitsalltag. 

Zwar gilt Employer Branding auch hier als wichtiger Wettbewerbsfaktor. In der Praxis bleibt jedoch oft eine Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Vielen Einrichtungen gelingt es nicht, die tatsächlichen Bedürfnisse ihrer Mitarbeitenden glaubwürdig sichtbar zu machen und konsequent mit ihrer Arbeitgeberkommunikation in Einklang zu bringen. 

Zahlen und Fakten: Wie der Fachkräftemangel die Spielregeln ändert 

Dass der Handlungsdruck enorm ist, zeigen aktuelle Zahlen deutlich: Laut einer Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft aus dem Jahr 2025 blieben allein im vorherigen Jahr rund 46.000 qualifizierte Stellen im Gesundheitswesen unbesetzt – mehr als in jeder anderen Branche.  

Gerade im Pflegebereich, wo Arbeitsbelastung, Dienstpläne im Schichtdienst und knappe Personalschlüssel den Alltag prägen, verlieren ästhetisch aufgeladene Kampagnen ohne reale Substanz schnell an Glaubwürdigkeit. Aufmerksamkeit allein schafft keine Passung zwischen Anspruch und Realität – im Zweifel verstärkt sie bestehende Brüche sogar. 

Vor diesem Hintergrund werden Arbeitgeberversprechen im Gesundheitswesen besonders kritisch gelesen. Bewerber:innen achten sehr genau darauf, ob das kommunizierte Bild eines Arbeitgebers mit der tatsächlichen Arbeitsrealität übereinstimmt. 

Aktuelle Analysen zur Entwicklung des Employer Brandings unterstreichen diese Beobachtung: Ein aktueller LinkedIn-Trendbericht betont, dass eine attraktive Arbeitgebermarke nur dann wirkt, wenn sie mit der tatsächlichen Employee Experience übereinstimmt. Eine Diskrepanz zwischen externer Hochglanzkommunikation und intern erlebtem Arbeitsalltag führt demnach nicht zu Bindung, sondern erhöht das Risiko von Bewerbungsabbrüchen, Frühfluktuation und Vertrauensverlust. 

Zwischen Image und Alltag: Authentizität macht den Unterschied 

Im Gesundheitswesen ist Authentizität beim Thema Employer Branding kein Buzzword, sondern ein zentraler Erfolgsfaktor. Was nach außen gut klingt, muss im Arbeitsalltag standhalten – sonst kippt das Versprechen. Gerade in Kliniken, Praxen und Pflegeeinrichtungen wird schnell spürbar, wenn Kommunikation und Realität auseinanderfallen – und das führt zu: 

  • Absprungraten im Bewerbungsprozess

  • Unzufriedenheit beim Onboarding 

  • und erhöhter Fluktuation

Was Beschäftigte im Gesundheitswesen wirklich überzeugt, sind daher keine austauschbaren Benefit-Versprechen, sondern klare Antworten auf die zentralen Fragen zu ihrem Arbeitsalltag:  

  • Relevante Inhalte – Menschen wollen wissen, wie sie arbeiten, entwickelt und unterstützt werden. 

  • Authentizität – echte Geschichten, reale Arbeitsbedingungen, echte Menschen, keine verkleideten Hochglanz-Versprechen. 

  • Transparenz – offene Darstellung von Herausforderungen und Entwicklungschancen. 

Praxisbeispiele: Warum ehrliche Einblicke besser wirken als Hochglanz  

Wie wirkungsvoll authentische Kommunikation entlang dieser frühen Kontaktpunkte sein kann, zeigt ein Instagram-Reel des Seniorenparks Cottbus. Darin halten zwei Bewohnerinnen zunächst augenzwinkernd ein Schild mit „Wir suchen … jemanden, der uns den Eierlikör bringt“ hoch – bevor sie im nächsten Moment klar benennen, was wirklich zählt: Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Umsicht und Verständnis. 

Das Reel wirkt nahbar und glaubwürdig, weil echte Bewohnerinnen sprechen und Humor mit realistischen Erwartungen an den Arbeitsalltag verbinden. Die hohe und überwiegend sehr positive Interaktion unter dem Beitrag – bis hin zu Kommentaren von bekannten Internet-Persönlichkeiten wie Sallys Welt (1,3 Mio. Follower:innen) – zeigt, welches Aufmerksamkeitspotenzial authentische Einblicke im Employer Branding entfalten können. 

Ein weiteres Beispiel liefert die Charité – Universitätsmedizin Berlin, die ihre Arbeitgeberkommunikation seit 2021 strategisch neu denkt und konsequent an der gelebten Arbeitsrealität ausrichtet. In der Reihe „Zukunft gestalten. Jeder zählt.“ haben Mitarbeitende verschiedener Berufsgruppen über die letzten 4 Jahre ehrliche Einblicke in ihren Arbeitsalltag, in Teamarbeit und gemeinsame Versorgungsziele gegeben. Statt idealisierter Bilder stehen reale Geschichten, konkrete Arbeitsprozesse, Entwicklungsmöglichkeiten und transparente Einblicke hinter die Kulissen im Fokus. So entsteht ein realistisches Bild der Arbeit – und eine klare Orientierung für potenzielle Bewerber:innen. 

Solche Beispiele machen deutlich: Egal ob über viele Jahre geplante und umgesetzte Kampagne oder einfach eine gute und kreative Idee. Employer Branding kann – wenn ehrlich und nahbar gedacht - große Wirkung entfalten und Stellen konkret besetzen. 

Fazit: Was Employer Branding im Gesundheitswesen wirklich braucht 

Erfolgreiche Arbeitgebermarken im Gesundheitswesen entstehen dort, wo Arbeitsrealität ernst genommen und konsequent sichtbar gemacht wird. Sie verzichten auf idealisierte Erzählungen und zeigen transparent, wie die tägliche Arbeit tatsächlich aussieht. Gerade diese Offenheit schafft Glaubwürdigkeit und Vertrauen. 

Entscheidend ist dabei der Blick auf die gesamte Employee Experience. Denn Employer Branding beginnt nicht erst mit der Stellenausschreibung oder dem Bewerbungsgespräch. Es entsteht deutlich früher:  

  • auf Social-Media-Kanälen,  

  • über Erfahrungsberichte von Mitarbeitenden,  

  • durch persönliche Kontakte und Erzählungen im Familien- und Freundeskreis, 

  • über Bewertungen und persönliche Empfehlungen  

  • und den ersten Eindruck der Website.  

Nur wenn Kommunikation, Prozesse sowie Führung und kollegiales Miteinander entlang der gesamten Mitarbeitendenreise konsistent gestaltet sind – von der ersten Wahrnehmung über Bewerbung und Onboarding bis hin zur langfristigen Zusammenarbeit – kann Employer Branding im Gesundheitswesen seine Wirkung entfalten. 

Weiterführender Artikel 

LEADER digital: Mit Herz und Verstand: Wie die Psychiatrie St.Gallen neue Wege im Employer Branding geht 

Was versteht man unter Employer Branding?

Employer Branding ist der strategische Aufbau und die Pflege einer Arbeitgebermarke. Es beschreibt, wie ein Unternehmen als Arbeitgeber wahrgenommen wird, und umfasst sowohl die gelebte Arbeitsrealität als auch deren glaubwürdige Kommunikation nach innen und außen. 

Warum ist Employer Branding im Gesundheitswesen besonders anspruchsvoll?

Im Gesundheitswesen sind Verantwortung, Arbeitsbelastung und emotionale Anforderungen hoch. Bewerber:innen prüfen Arbeitgeberversprechen daher besonders kritisch. Weichen Kommunikation und Realität voneinander ab, führt das schnell zu Vertrauensverlust und Fluktuation. 

Welche Ziele verfolgt Employer Branding im Gesundheitswesen?

Employer Branding im Gesundheitswesen zielt darauf ab, realistische Erwartungen zu schaffen, Vertrauen aufzubauen und Fachkräfte langfristig zu binden. Es unterstützt die Passung zwischen Mitarbeitenden und Arbeitsumfeld und stärkt die Arbeitgeberattraktivität nachhaltig. 

Lilly Sarisakal
Author:in Lilly Sarisakal

consense communications GmbH Lilly berät Unternehmen und Marken in Corporate Communications und Media Relations im nationalen und internationalen Umfeld. Ihr Fokus liegt auf klarer Positionierung und wirkungsvoller Kommunikation für B2B- und B2C-Marken.