Stakeholder Mapping für Akzeptanz bei Energie- und Infrastrukturprojekten

Veröffentlicht am 03.11.2026 | Aktualisiert am 04.11.2026

Windpark, Stromtrasse oder Wärmeplan: Bei Energieprojekten treffen viele Interessen aufeinander. Wir zeigen, wie Sie mit Stakeholder Mapping die relevanten Gruppen erkennen und Beteiligung gezielt planen.

Stakeholder Map mit Anspruchsgruppen nach Einfluss und Betroffenheit: Bürgerdialog auf Großbaustelle

Das Wichtigste in Kürze

  • Energie- und Infrastrukturprojekte haben ein vielschichtiges Stakeholder-Umfeld: von Bundes- und Landespolitik über Kommunen und Netzbetreiber bis zu Anwohner:innen.

  • Akzeptanz entsteht auf unterschiedlichen Ebenen. Für die Stakeholderanalyse lohnt es sich, gesellschaftlich-politische, lokale und marktbezogene Perspektiven getrennt zu betrachten.

  • Issue Mapping ergänzt die Stakeholder Map um konkrete Themen. Je nach Projekt können das Kosten, Landschaftsbild, Artenschutz, Flächennutzung oder die Frage sein, wer vom Projekt profitiert.

  • Formelle Beteiligung bildet den Rahmen, strategische Stakeholderanalyse geht weiter. Bei der kommunalen Wärmeplanung etwa legt das Gesetz einen Teil der zu beteiligenden Akteure fest. Weitere relevante Gruppen und ihre Themen ergeben sich aus dem konkreten Umfeld.

  • Stakeholderanalyse sollte früh beginnen. Auch die VDI-Richtlinie 7000 zur frühen Öffentlichkeitsbeteiligung bei Industrie- und Infrastrukturprojekten sieht die Analyse von Anspruchsgruppen und Themen vor dem formellen Genehmigungsverfahren vor.

  • Stakeholder Maps verändern sich mit dem Projekt. Einfluss, Haltung und Issues können sich über Planung, Genehmigung, Bau und Betrieb verschieben und sollten deshalb regelmäßig überprüft werden.

Energie- und Infrastrukturprojekte betreffen viele Gruppen gleichzeitig – oft über Jahre. Eine Stakeholderanalyse zeigt, wer betroffen ist, wer Einfluss hat und welche Themen die einzelnen Gruppen bewegen. Das Stakeholder Mapping macht diese Zusammenhänge sichtbar. So lässt sich planen, wer Informationen braucht, wer konsultiert und wer aktiv beteiligt werden sollte.

Wie groß der Kommunikationsbedarf ist, zeigt die Wärmewende: 83 Prozent der 778 befragten Kommunen sehen zusätzlichen Kommunikationsbedarf, um die Akzeptanz der Wärmeplanung bei Bürger:innen zu stärken. Das ergab die KWW-Kommunenumfrage 2026 der Deutschen Energie-Agentur (dena) vom September 2026.

Auch die Bundesnetzagentur setzt auf Beteiligung. Im September 2026 stellte sie die Szenariorahmen für Strom sowie Gas und Wasserstoff 2027–2040/2045 zur öffentlichen Stellungnahme. Behörden, Zivilgesellschaft, Verbände und Unternehmen konnten sich beteiligen.

Beide Beispiele zeigen, wie viele Stakeholder mit unterschiedlichen Erwartungen bei der Transformation zusammenkommen. Wer sie erreichen und einbeziehen will, sollte zuerst wissen, wer sie sind und was sie bewegt. Dieser Beitrag zeigt, welche Kriterien die Power-Interest-Matrix sinnvoll ergänzen, wie Issue Mapping die Analyse ergänzt und wie sich daraus in fünf Schritten eine Kommunikationsstrategie entwickeln lässt.

Die Grundlagen und wissenschaftlichen Modelle der Methode finden Sie im Beitrag Stakeholderanalyse und Stakeholder Mapping: Modelle, Methoden, Anwendung. Dieser Beitrag konzentriert sich auf die Besonderheiten von Energie- und Infrastrukturprojekten und darauf, wie Stakeholder Mapping Kommunikation und Beteiligung unterstützen kann.

Warum Energieprojekte eine eigene Stakeholderanalyse brauchen: Drei Besonderheiten 

  1. Viele Ebenen wirken zusammen. Bund und Länder setzen den Rahmen, Kommunen planen, Netzbetreiber und Investor:innen setzen Projekte um. Die Menschen vor Ort leben mit den Folgen.

  2. Die Projekte dauern lange. Zwischen erster Planung und Inbetriebnahme vergehen oft Jahre. In dieser Zeit können Ansprechpartner:innen, politische Mehrheiten und relevante Themen wechseln.

  3. Die öffentliche Lautstärke bildet die Stimmung nicht immer ab. Die Akzeptanzumfrage der Fachagentur Wind und Solar vom Herbst 2025 zeigt: 73 Prozent der Befragten, in deren Umfeld Windenergieanlagen stehen, sind damit einverstanden. Zugleich überschätzen viele, wie verbreitet die Kritik vor Ort ist. Eine Stakeholder Map hilft, auch Gruppen und Perspektiven sichtbar zu machen, die in der öffentlichen Debatte weniger präsent sind.

Drei Ebenen der Akzeptanz als zusätzliche Perspektive

Rolf Wüstenhagen, Maarten Wolsink und Mary Jean Bürer haben 2007 drei Dimensionen sozialer Akzeptanz bei erneuerbaren Energien unterschieden: gesellschaftlich-politische Akzeptanz, lokale Akzeptanz und Marktakzeptanz. Das Modell wird bis heute in der Energieforschung aufgegriffen, unter anderem von der IRENA Coalition for Action, einem internationalen Netzwerk für den Austausch zur Energiewende. Es hilft zu erklären, warum erneuerbare Energien grundsätzlich breite Zustimmung erfahren können und einzelne Projekte vor Ort dennoch kontrovers diskutiert werden.

Für die Stakeholderanalyse bietet das Modell eine zusätzliche Perspektive. Die drei Ebenen helfen, unterschiedliche Gruppen und Fragestellungen eines Energieprojekts zu strukturieren:

Ebene

Typische Stakeholder

Leitfrage für die Kommunikation

Gesellschaftlich-politische Akzeptanz

Bundes- und Landespolitik, Verbände, Medien, Wissenschaft

Wird das Vorhaben als Teil einer sinnvollen Energiepolitik gesehen?

Lokale Akzeptanz

Anwohner:innen, Kommunalpolitik, Bürgerinitiativen, Flächeneigentümer:innen

Wird das Projekt vor Ort als fair und vertrauenswürdig wahrgenommen?

Marktakzeptanz

Investor:innen, Energieversorger, Handwerk, Kund:innen

Lohnt sich das Projekt und wird das Angebot genutzt?

Für die lokale Stakeholderanalyse sind diese Faktoren besonders relevant. Sie ergänzen Kriterien wie Einfluss und Interesse um die Frage, wie Gruppen das Projekt und den Prozess bewerten.

Typische Stakeholder und Issues nach Projektart

Im nächsten Schritt ordnet das Issue Mapping den Gruppen ihre Themen zu. Je nach Projektart unterscheiden sich Stakeholder und Issues deutlich:

Projektart

Typische Stakeholder

Typische Issues

Windpark

Anwohner:innen, Gemeinderat, Flächeneigentümer:innen, Naturschutzverbände, Bürgerenergiegenossenschaften

Landschaftsbild, Schall, Artenschutz, finanzielle Beteiligung der Kommune

Stromtrasse

Grundeigentümer:innen, Landwirt:innen, Kommunen entlang der Trasse, Behörden, Bürgerinitiativen

Trassenverlauf, Eingriffe in Flächen, Entschädigungen, Bauzeit

Kommunale Wärmeplanung

Bürger:innen, Eigentümer:innen und Mieter:innen, Stadtwerke, Netzbetreiber, Handwerk, Wohnungswirtschaft

Kosten, Zeitplan, Anschlussmöglichkeiten, künftige Wärmeversorgung

Freiflächen-Solaranlage

Landwirt:innen, Gemeinde, Anwohner:innen, Naturschutz

Flächennutzung, Landschaftsbild, Pachteinnahmen, Beteiligung vor Ort

Die Tabelle ist ein Ausgangspunkt. Welche Gruppen und Themen tatsächlich im Vordergrund stehen, zeigt erst die Analyse vor Ort. Aus unserer Sicht lohnt es sich, dafür früh mit Schlüsselpersonen zu sprechen. So werden auch Themen sichtbar, die in keiner Planungsunterlage stehen.

Frühe Analyse vor formeller Beteiligung

VDI 7000: Anspruchsgruppen früh analysieren

Der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) hat mit seiner Richtlinie zur frühen Öffentlichkeitsbeteiligung bei Industrie- und Infrastrukturprojekten einen Leitfaden entwickelt, der Projektträger bereits vor dem formellen Genehmigungsverfahren bei Umfeldanalyse, Kommunikation und Beteiligung unterstützt. In der Vorbereitung sieht die Richtlinie Umfeldanalysen und Beteiligungskonzepte vor. Auch im Genehmigungsverfahren und während der Bauphase setzt sie auf kontinuierliche Kommunikation und Beteiligung. Der aktuelle Entwurf stammt vom März 2025 und entwickelt die Fassung von 2015 umfassend weiter. Er berücksichtigt veränderte Rahmenbedingungen großer Transformationsprojekte und einen höheren Bedarf an Dialog und Mitgestaltung.

Kommunale Wärmeplanung: Beteiligung per Gesetz

Bei der Wärmeplanung ist ein Teil der Stakeholder Map gesetzlich vorgegeben. Das Wärmeplanungsgesetz verpflichtet die planende Stelle, die Öffentlichkeit sowie betroffene Behörden zu beteiligen. Betreiber von Strom-, Gas- und Wärmenetzen sind frühzeitig und fortlaufend einzubinden; weitere Akteure können hinzukommen, etwa Erzeuger erneuerbarer Wärme, große Wärmeverbraucher oder Energiegemeinschaften.

Der Entwurf des Wärmeplans wird veröffentlicht, bevor der zuständige Rat oder das zuständige Gremium ihn beschließt. Öffentlichkeit und weitere Beteiligte haben anschließend mindestens 30 Tage Zeit, Stellung zu nehmen. Für die Akzeptanzkommunikation ist der Zeitpunkt entscheidend: Eine strategische Stakeholderanalyse sollte deshalb früher beginnen und auch Gruppen erfassen, die das Gesetz nicht ausdrücklich nennt., sowie deren Fragen, Interessen und mögliche Konfliktthemen.

Die gesetzliche Beteiligung ist ein Mindeststandard. Die dena-Umfrage zeigt, dass viele Kommunen mehr Kommunikation für nötig halten. Eine Stakeholder Map hilft, darüber hinaus die Gruppen zu erkennen, die eine besondere Ansprache brauchen, zum Beispiel Eigentümer:innen in Gebieten ohne geplantes Wärmenetz.

Von der Stakeholder Map zur passenden Beteiligung

Die Stakeholder Map zeigt, wer relevant ist. Sie hilft außerdem zu entscheiden, wie intensiv eine Gruppe beteiligt werden sollte. Bewährt hat sich die Unterscheidung von Information, Konsultation und Kooperation. Gruppen mit hoher Betroffenheit und eigenem Gestaltungsspielraum brauchen mehr als reine Information.

Welche Ziele die Akzeptanzkommunikation bei den einzelnen Gruppen verfolgt, lässt sich direkt aus der Map ableiten. Bei der einen Gruppe geht es um Verständnis, bei der anderen um konkrete Mitwirkung. Das Prinzip lässt sich auch in anderen Kommunikationsfeldern einsetzen, etwa in der Nachhaltigkeitskommunikation.

Die Stakeholder Map über die Projektlaufzeit pflegen

Energieprojekte durchlaufen mehrere Phasen: Planung, Genehmigung, Bau und Betrieb. In jeder Phase verschieben sich Rollen und Themen. Eine Bürgerinitiative kann sich gründen, ein Gemeinderat wird neu gewählt, ein Thema gewinnt durch Medienberichte an Gewicht.

Gespräche vor Ort, Rückmeldungen aus Beteiligungsformaten sowie Medien- und Social-Media-Monitoring liefern dafür wichtige Signale. Wer die Stakeholder Map regelmäßig aktualisiert, erkennt Konflikte früher und kann rechtzeitig reagieren.

Fazit: Akzeptanz beginnt mit dem Blick auf alle Beteiligten

Ob Windpark, Stromtrasse oder kommunaler Wärmeplan: Energieprojekte kommen leichter voran, wenn die Verantwortlichen die Menschen und Gruppen vor Ort früh einbeziehen. Eine Stakeholderanalyse macht sichtbar, wen ein Vorhaben betrifft, welche Interessen wichtig sind und wo Konflikte entstehen können. Die drei Akzeptanzebenen helfen dabei, politische, lokale und wirtschaftliche Perspektiven auseinanderzuhalten.

Wer früh weiß, wer betroffen ist und was diese Gruppen bewegt, kann Beteiligung gezielt planen und Konflikte rechtzeitig aufgreifen.

Wie wir Stakeholderanalyse, Dialog und Beteiligung bei Energie- und Infrastrukturprojekten verbinden, erfahren Sie auf unserer Seite zur Akzeptanzkommunikation.

Quellen 

  • Arnstein, S. R. (1969): A Ladder of Citizen Participation. Journal of the American Institute of Planners, 35(4), 216–224. 

  • Bundesnetzagentur (2026): Szenariorahmen Strom sowie Gas und Wasserstoff, Konsultation 31.08.–28.09.2026. 

  • Deutsche Energie-Agentur (2026): Befragung zeigt: Qualität der Wärmepläne unterschiedlich – Potenzial liegt in Fortschreibung. Pressemitteilung vom 17.09.2026. 

  • Fachagentur Wind und Solar (2025): Umfrage zur Akzeptanz der Windenergie an Land – Herbst 2025. 

  • Richtlinie (EU) 2026/470 vom 24.02.2026 (Omnibus I). 

  • VDI 7000 (2015): Frühe Öffentlichkeitsbeteiligung bei Industrie- und Infrastrukturprojekten. 

  • Wärmeplanungsgesetz (WPG), §§ 4, 7, 13. 

  • Wüstenhagen, R., Wolsink, M. & Bürer, M. J. (2007): Social acceptance of renewable energy innovation: An introduction to the concept. Energy Policy, 35(5), 2683–2691. 

Das Headerbild ist KI-generiert.

Kirsten Gnadl
Author:in Kirsten Gnadl

Head of Sustainability consense communications GmbH (GPRA) Expertin für externe Unternehmenskommunikation und zertifizierte Nachhaltigkeitsmanagerin (DAM) mit exzellentem Mediennetzwerk.