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Krisenkommunikation in der KI-Ära: Wenn KI Ihre Krise erzählt

Veröffentlicht am 10.06.2026 | Aktualisiert am 05.06.2026

Generative KI verändert Krisenkommunikation grundlegend: ChatGPT, Perplexity und Google AI Overviews prägen mit, wie Krisen erzählt, gefunden und bewertet werden – oft auch dann, wenn Quellen veraltet oder Aussagen falsch sind.

Eine asiatisch aussehende Frau analysiert auf einem virtuellen Dashborad Daten. Symboldbild für das Zielgruppen-Trilemma in der KI-Kommunikation

Generative KI verändert Krisen nicht nur durch Deepfakes. KI-Suchsysteme wie ChatGPT, Claude oder Google AI Overviews erzählen Krisen weiter – teils mit veralteten Quellen, teils mit falschen Aussagen. Wir zeigen, wie Kommunikationsabteilungen 2026 Holding Statements für Menschen, Suchmaschinen und KI-Systeme entwickeln und das KI-Narrativ einer Krise aktiv korrigieren.

Was ist Krisenkommunikation in der KI-Ära?

Krisenkommunikation in der KI-Ära bedeutet: Unternehmen steuern ihre Reputation in einer Krise gleichzeitig für vier Zielgruppen – Stakeholder, Journalist:innen, klassische Suchmaschinen und generative KI-Systeme. Die Disziplin verbindet klassische Krisen-PR mit dem Wissen, wie ChatGPT, Perplexity oder Google AI Krisennarrative aufnehmen, weiterverbreiten und manchmal verzerren. Entscheidend ist, diese Narrative früh zu erkennen und gezielt zu korrigieren.

Das Wichtigste in Kürze

  • Krisenkommunikation bekommt ab 2026 eine neue KI-Dimension. Neben klassischen Krisen werden drei neue Krisentypen wichtiger: Deepfake-Krisen, KI-Halluzinations-Krisen und klassische Krisen, die durch KI-Systeme zusätzliche Reichweite oder Verzerrung erhalten.

  • Deepfakes sind kein Randphänomen mehr. Laut Gartner erlebten 62 % der Unternehmen in den vergangenen zwölf Monaten Deepfake-Angriffe. Allianz Trade berichtet für 2025 von einem Schadensanstieg um 81 %. Auch in Deutschland zeigen Fälle wie Bayer, Würth und Shop Apotheke, wie real das Risiko bereits ist.

  • Auch KI-Halluzinationen werden zum Reputationsrisiko. Wenn ChatGPT, Perplexity oder andere KI-Suchsysteme reputationskritische Themen falsch, verkürzt oder aus dem Kontext gelöst darstellen, entsteht ein neues Krisenfeld. Laut FTI Consulting erscheinen 83 % der DAX40-Unternehmen bei ChatGPT mit mindestens einem reputationskritischen Thema.

  • Klassische Krisen wirken durch KI länger nach. Was einmal öffentlich dokumentiert ist, kann von KI-Systemen aufgegriffen, verdichtet und immer wieder neu ausgespielt werden. Damit endet eine Krise nicht mehr nur mit dem letzten Medienbericht. Sie kann in maschinellen Antwortsystemen weiterleben.

  • Holding Statements müssen deshalb dreifach funktionieren. Sie müssen Menschen schnell Orientierung geben, in Suchmaschinen auffindbar sein und von KI-Systemen korrekt verarbeitet werden können. Sonst verliert das Statement an Wirkung – oder wird von anderen Quellen überlagert.

  • Die Korrektur des KI-Narrativs wird zur neuen Aufgabe. Krisenkommunikation muss künftig nicht nur Medien, Stakeholder und Öffentlichkeit adressieren, sondern auch die Antwortlogik von KI-Systemen mitdenken. LLM-Seeding wird dabei zu einem proaktiven Hebel: belastbare Informationen so platzieren, dass sie von KI-Systemen gefunden, verstanden und korrekt wiedergegeben werden.

  • Regulierung erhöht den Handlungsdruck. Mit den strengeren Phasen des EU AI Act ab August 2026 werden Kennzeichnungspflichten für Deepfakes und KI-Inhalte relevanter. Das betrifft auch die Krisenkommunikation direkt – besonders dort, wo Unternehmen auf manipulierte Inhalte reagieren oder selbst KI-gestützte Inhalte einsetzen.

In Teil 5 der Serie KI in der Kommunikation haben wir gezeigt, wie Unternehmen ihre KI-Reputation beobachten und steuern können. Was passiert jedoch, wenn sich die Berichterstattung von einem Issue zu einer akuten Krise entwickelt? Dann reicht klassisches Medienmonitoring nicht mehr aus. Kommunikationsabteilungen müssen wissen, wie ChatGPT, Perplexity und Google AI eine Krise aktuell darstellen – und wie sie diese Darstellung korrigieren können.

Warum KI-Suche zur neuen Krisenöffentlichkeit wird

Klassische Krisen-PR hatte lange zwei zentrale Schauplätze: die Pressekonferenz und die Nachrichtensendung. Beide bleiben wichtig. Daneben ist aber ein dritter Wahrnehmungsraum entstanden – und er ist im Krisenfall besonders schnell: die KI-Antwort auf eine konkrete Stakeholder-Frage.

Wenn Investor:innen, Journalist:innen oder Mitarbeitende wissen wollen, was bei einem Unternehmen los ist, nutzen sie nicht immer zuerst Google. Viele fragen ChatGPT, Perplexity oder Google AI Overviews. Der FTI Consulting KI-Reputationsmonitor 2025 zeigt: 83 % der DAX40-Konzerne erscheinen bei ChatGPT mit mindestens einem reputationskritischen Thema. Häufig beruhen die Antworten auf veralteten oder verzerrten Informationen.

Damit entsteht ein neuer Wahrnehmungsraum für Krisen. Die Antwort, die ein KI-System in den ersten Stunden erzeugt, prägt die Wahrnehmung der Stakeholder oft, bevor das offizielle Statement sichtbar wird. Kerstin Steglich von Ketchum bringt es im KOM-Magazin auf den Punkt: In der Krisenkommunikation gehe es darum, in Echtzeit zu agieren. Zugleich warnt sie: Im Krisenfall sollte man sich nie allein auf KI verlassen. Beides gilt: KI ist Werkzeug und Risiko.

Welche Kanäle KI-Suchsysteme bevorzugt zitieren, haben wir in Teil 2 dieser Serie aufgeschlüsselt. Krisenkommunikation 2026 baut auf diesen Mustern auf. Der Unterschied: In der Krise zählen nicht Tage, sondern Stunden.

Drei neue KI-bezogene Krisentypen

In unseren Beratungsmandaten sehen wir drei Krisenmuster, die vor zwei Jahren noch kaum eine Rolle gespielt haben. Jedes Muster folgt einer eigenen Logik und braucht eine eigene Reaktion.

Krisentyp 1: Deepfake-Krise

Deepfakes sind kein Zukunftsthema mehr, sondern ein operatives Krisenrisiko. Eine Gartner-Studie vom September 2025 zeigt: 62 % der Unternehmen erlebten in den zwölf vorangegangenen Monaten Deepfake-Angriffe. Allianz Trade beziffert den Schadensanstieg 2025 auf 81 %.

Drei deutsche Fälle zeigen das Risiko:

  • Bayer: Ein manipuliertes Video des Vorstandsvorsitzenden Bill Anderson kursierte 2025 im Netz.

  • Würth-Gruppe: Im Januar 2026 wurde ein gefälschtes Video von Reinhold Würth für dubiose Investmentangebote verwendet – das Unternehmen musste öffentlich warnen.

  • Shop Apotheke: Identitätsdiebstahl in einer Werbekampagne führte 2026 zum Werbestopp.

Hans-Patrick Schroeder und Sarah Hillebrand von Freshfields empfehlen im Management-Blog der WirtschaftsWoche eine Taskforce aus IT-Expert:innen, Kommunikationsprofis und Jurist:innen. Sie soll schnell entscheiden und sofort handlungsfähig sein. In unserer Beratungspraxis ergänzen wir diese Struktur um eine vierte Rolle: eine Person, die das KI-Narrativ der Krise laufend beobachtet und Korrekturmaßnahmen koordiniert.

Krisentyp 2: KI-Halluzinations-Krise

KI-Systeme erfinden gelegentlich Sachverhalte, die es nicht gibt: falsche Geschäftsführungen, frei erfundene Skandale oder falsch zugeordnete Aussagen. Aus einer technischen Schwäche wird eine Krise, wenn Stakeholder die KI-Antwort für eine Tatsache halten. Besonders riskant ist, dass KI-Halluzinationen sich festsetzen können, wenn viele Nutzer:innen denselben falschen Eindruck bekommen.

KI-Halluzinationen sollten wie klassische Falschmeldungen behandelt werden: schnell finden, dokumentieren, mit klaren Fakten korrigieren – und parallel die Quellen stärken, aus denen KI-Modelle lernen. Mehr dazu im Abschnitt zur Korrektur des KI-Narrativ.

Krisentyp 3: Klassische Krise mit KI-Bumerang-Effekt

Auch klassische Krisen – etwa Produktrückrufe, Compliance-Vorwürfe oder Personalskandale – wirken 2026 anders. Sobald sie in Trainingsdaten oder wichtigen Webquellen der KI-Systeme auftauchen, können sie lange weitererzählt werden. Manchmal geschieht das mit veralteter Tonalität, manchmal ohne Hinweis darauf, dass ein Thema längst aufgearbeitet wurde.

Dieser Krisentyp wird oft unterschätzt. Eine Krise, die in der klassischen Presse längst abgeebbt ist, kann in KI-Antworten weiterleben und taucht wie ein Bumerang wieder auf. Das gilt besonders für Themen, die in Trainingsdaten stark vertreten sind oder in Quellen wie Wikipedia, Reddit oder Reuters prominent vorkommen.

Holding Statements neu denken – für Menschen und für KI-Systeme

Das Holding Statement ist seit Jahrzehnten das wichtigste Werkzeug in den ersten Krisenstunden. Die Grundregeln bleiben: ein klares Drei-Satz-Fundament, ein Zeitstempel in jedem Statement, Legal-Review innerhalb kurzer Zeit und ein One-Voice-Prinzip. Diese Regeln haben wir in unserem Beitrag zu den sieben Tipps für ein wirksames Holding Statement ausführlich beschrieben. Neu ist in 2026 vor allem die Zielgruppe.

Ein Holding Statement, das nur für Journalist:innen geschrieben ist, ist inzwischen unvollständig. Jeder Krisentext sollte auf drei Wirkprinzipien geprüft werden:

Adressat

Wirkung des Textes

Mensch (Stakeholder, Journalist:innen)

Vertrauen, Schnelligkeit, Empathie und Verantwortlichkeit

Suchmaschine (Google, Bing)

Klare Heading-Struktur, Schema.org-Markup und eigener Newsroom-Pillar

KI-Suchsysteme (ChatGPT, Perplexity, Google AI, Claude)

Definitionsfähige Absätze, eigene Daten, Zitierfähigkeit und sprachliche Präzision

Konkret heißt das: Ein Holding Statement braucht weiterhin einen menschlichen Ton, Empathie für Betroffene und ein klares Bekenntnis zur Aufklärung. Gleichzeitig sollte es kurze Faktenblöcke, präzise Definitionen und FAQ-fähige Absätze enthalten. So können KI-Suchsysteme die offiziellen Informationen leichter als zitierfähige Quelle erkennen.

Das KI-Narrativ der Krise aktiv korrigieren

Hier entsteht eine neue Aufgabe für Kommunikationsverantwortliche. Im deutschen Sprachraum gibt es dafür noch keinen einheitlichen Begriff. „KI-Korrektur” meint bisher meist das Korrekturlesen mit KI-Werkzeugen. In diesem Beitrag geht es um etwas anderes: die Korrektur des Narrativs bzw. Bildes, das KI-Suchsysteme von einem Unternehmen oder einer Krise zeichnen. Dafür werden auch Begriffe wie KI-Reputationssteuerung oder LLM-Reputation verwendet.

Wir nennen es pragmatisch: Korrektur des KI-Narrativs. Diese Korrektur folgt einer eigenen Logik.

Wie KI-Korrekturen technisch funktionieren

Viele Kommunikationsabteilungen unterschätzen 2026 noch eine wichtige Unterscheidung:

  • Trainingsbasierte Systeme wie ChatGPT und Claude ziehen ihre Antworten überwiegend aus Trainingsdaten. Korrekturen wirken dort oft erst mit dem nächsten Trainingsupdate. Das kann Wochen oder Monate dauern.

  • Retrieval-basierte Systeme wie Perplexity oder Google AI Mode rufen aktuelle Webinhalte live ab. Korrekturen können dort binnen Tagen sichtbar werden, sobald neue Inhalte indexiert sind.

Diese Unterscheidung verändert die Reihenfolge der Maßnahmen. Wer schnell Wirkung erzielen will, beginnt bei retrieval-basierten Systemen. Wer langfristig Wirkung erzielen will, stärkt die Quellen, die in Trainingsdaten einfließen.

Retrieval-basierte Systeme sind KI-Systeme, die ihre Antwort nicht nur aus dem eigenen Modellwissen erzeugen, sondern zusätzlich aktuelle Informationen aus externen Quellen abrufen.

Einfach gesagt: Die KI „schaut nach“, bevor sie antwortet.

Drei Hebel zur Korrektur

  1. Originalquellen korrigieren. Wikipedia-Einträge, Pressemitteilungsarchive und der eigene Newsroom-Pillar sind zentrale Quellen für KI-Systeme. In jeder Krise sollte zuerst geprüft werden: Welche Quelle erzählt die Krise gerade falsch, unvollständig oder veraltet? Eine saubere, faktenbasierte Aktualisierung dieser Originalquellen ist der wichtigste Hebel. Hier können entsprechende entwickelte KI-Assistenten helfen, die auch umfangreiche Websites und Newsrooms in sekundenschnelle auf fehlerhafte oder veraltetet Informationen überprüfen können.

  2. Eigene Kanäle als zitierfähige Faktenquelle stärken. Dazu gehören Newsroom-Pillar, FAQ-Strukturen, Definitionsblöcke und klar ausgezeichnete Daten. Wie eigene Kanäle für die KI-Suche gestärkt werden können, lesen Sie in unserem Beitrag Welche Kanäle die KI-Suche zitiert.

  3. LLM-Seeding über Einordnungsmedien. Der Begriff LLM-Seeding wurde von der Münchner 121Watt-Akademie für proaktive KI-Sichtbarkeitsstrategien geprägt. Im Krisenkontext bedeutet das: gezielte Pitches an glaubwürdige Fachmedien, Hintergrundinterviews mit klarer Faktenbasis und datengestützte Gastbeiträge. Solche Inhalte können in das Trainingsmaterial künftiger KI-Modelle einfließen und das KI-Narrativ langfristig prägen. Lesen Sie dazu auch unseren Beitrag Einordnungsmedien als neue Autoritätsinstanzen.

In unserer Beratungspraxis kombinieren wir alle drei Hebel: Zuerst reagieren wir schnell auf retrieval-basierte Systeme, etwa mit aktualisiertem Newsroom-Pillar, FAQ-Block und eigener Datenquelle. Parallel prüfen wir die Wikipedia-Quellenlage. Mittelfristig stärken wir über LLM-Seeding in Einordnungsmedien das Trainingsmaterial künftiger Modelle. Wie sich KI-Citations messen lassen, beschreibt unser Beitrag zum strategischen Medienmonitoring 2026.

Rechtliche Eckpfeiler: Was der EU AI Act ab August 2026 verlangt

Im August 2026 treten strengere Phasen des EU AI Act in Kraft. Für Krisenkommunikation sind drei Punkte besonders relevant:

  • Kennzeichnungspflicht für KI-generierte Inhalte und Deepfakes. Wer Bild-, Audio- oder Videomaterial mit KI erzeugt, muss dies transparent machen. Das gilt auch für Unternehmen, die KI-Inhalte in eigenen Kommunikationsmaßnahmen einsetzen.

  • Transparenz bei automatisierter Kommunikation. Wenn ein Kundenservice oder ein Pressekontakt KI-gestützt automatisiert antwortet, müssen Empfänger:innen darüber informiert werden.

  • Rechtsmittel bei Deepfake-Vorwürfen. Die Wettbewerbszentrale hat im Februar 2026 einen Leitfaden zur Kennzeichnung KI-generierter Inhalte veröffentlicht. Er bietet Orientierung für rechtliche Schritte.

Für die Praxis heißt das: Eigene Statements sollten klar als menschlich verantwortete Kommunikation erkennbar bleiben. Bei Deepfake-Vorwürfen lassen sich juristische Schritte heute schneller vorbereiten als noch vor einem Jahr. Die Rechtsabteilung sollte deshalb früh Teil des Krisenstabs sein – nicht erst, wenn der Schaden bereits eingetreten ist.

72-Stunden-Plan: Krisenkommunikation in der KI-Ära

In den ersten drei Tagen einer Krise entscheidet sich nicht nur, welche Botschaft Menschen erreicht. Es entscheidet sich auch, welche Informationen Suchmaschinen und KI-Systeme als belastbare Grundlage finden. Wer das KI-Narrativ früh mitsteuert, gewinnt Zeit für die weitere Reputationsarbeit.

Dieser Ablauf hat sich in unserer Beratungspraxis bewährt:

Stunden 0 bis 6: Faktenbasis schaffen und erstes Statement veröffentlichen

In den ersten Stunden zählt Geschwindigkeit – aber nicht um den Preis der Genauigkeit. Das Holding Statement sollte nach der Drei-Adressaten-Logik formuliert werden: verständlich für Menschen, auffindbar für Suchmaschinen und klar genug, um von KI-Systemen korrekt verarbeitet zu werden.

Veröffentlicht werden sollte es an allen zentralen Stellen: im eigenen Newsroom, auf dem LinkedIn-Profil des CEOs oder der Geschäftsführung, über den klassischen Presseverteiler und – falls relevant – auf der IR-Seite. Parallel sollte eine erste Fragen-und-Antworten-Liste entstehen. Sie bündelt die wichtigsten Fakten, offenen Punkte und wiederkehrenden Fragen.

Stunden 6 bis 24: KI-Monitoring starten

Sobald die erste Faktenbasis steht, beginnt das Monitoring der KI-Antworten. Tools wie Profound, Peec AI, Otterly oder ZipTie können helfen, Antworten zu Marken-, Unternehmens- und Krisenbegriffen zu beobachten.

Zusätzlich sollte die Fragen-und-Antworten-Liste in ChatGPT, Perplexity und Google AI Mode getestet werden: Welches Bild erzeugen die Systeme aktuell? Welche Quellen werden herangezogen? Wo entstehen Verzerrungen, Lücken oder veraltete Darstellungen?

Stunden 24 bis 48: KI-Narrativ korrigieren

Auf Basis des Monitorings beginnt die operative Korrektur. Entscheidend ist, zuerst die Quellen zu identifizieren, auf die Suchmaschinen und KI-Systeme wahrscheinlich zugreifen: eigene Newsroom-Inhalte, Pressemitteilungsarchive, Wikipedia, Branchenprofile, Medienberichte oder andere öffentlich sichtbare Referenzen.

Wo möglich, sollten veraltete oder unvollständige Informationen aktualisiert und eigene Inhalte ergänzt werden. Parallel können Hintergrundgespräche und Pitches an Einordnungsmedien vorbereitet werden. Auch Native Ads oder Distributionsangebote, etwa von News aktuell, können helfen, belastbare Informationen sichtbar zu machen. Erste Effekte in retrieval-basierten KI-Systemen sollten laufend überprüft werden.

Stunden 48 bis 72: Lage bewerten und Folgekommunikation planen

Nach 72 Stunden sollte klarer erkennbar sein, welches Bild sich in Medien, Suchmaschinen und KI-Systemen verfestigt. Jetzt geht es um die Bewertung: Welche Aussagen werden korrekt wiedergegeben? Wo bestehen weiterhin Verzerrungen? Welche Quellen dominieren? Und wo braucht es zusätzliche Korrekturen?

Die Krise ist damit in der Regel nicht beendet. Häufig beginnt nun die eigentliche Reputationsarbeit. Die Folgekommunikation kann sich über sechs bis zwölf Wochen erstrecken – mit gezieltem LLM-Seeding, kontinuierlichem Monitoring und weiteren inhaltlichen Korrekturen.

Wie diese Folgekommunikation in einen strukturierten Monitoring-Rhythmus übergeht, zeigen wir in Teil 5 unserer Serie zu KI-Reputation.

Was das für Krisenteams strukturell bedeutet

Die Konsequenz: Krisenteams sehen 2026 anders aus als noch vor zwei Jahren. Wir empfehlen vier strukturelle Anpassungen:

  • Crisis Squad um KI-Liaison erweitern. Agile Crisis Squads aus Kommunikation, IT-Forensik und Recht lösen in vielen Organisationen die klassische Krisenstabs-Struktur ab. Das haben wir in unserem Trends-Artikel zur Krisenkommunikation 2026 beschrieben. Im KI-Zeitalter braucht dieses Squad eine zusätzliche Rolle: die KI-Liaison. Sie beobachtet das KI-Bild der Krise in Echtzeit und koordiniert Korrekturmaßnahmen.

  • Master-Narrativ für KI vorbereiten. Tonalität, Wording, Definitionen und Fakten-Templates sollten vorab dokumentiert sein. So müssen Kommunikationsverantwortliche im Krisenfall nicht bei null anfangen. Boehringer Ingelheim und Clariant arbeiten laut KOM-Magazin 2025 bereits seit rund zwei Jahren mit eigenen Copilot- und Claude-Versionen.

  • Holding Statements als KI-zitierfähige Templates pflegen. Drei bis fünf Holding-Templates für die wahrscheinlichsten Krisenszenarien reichen oft aus. Sie sollten jeweils nach der Drei-Adressaten-Logik aufgebaut sein. Im Krisenfall müssen dann nur noch die konkreten Fakten ergänzt werden.

  • Korrektur-Workflow für KI-Antwortsysteme festlegen. Wer kontrolliert die Wikipedia-Quellenlage? Wer aktualisiert den Newsroom-Pillar? Wer steuert das LLM-Seeding über Einordnungsmedien? Diese Rollen sollten vor der Krise vergeben sein.

FAQ

Häufige Fragen zu Krisenkommunikation in der KI-Ära

Was ist Krisenkommunikation in der KI-Ära – und worin unterscheidet sie sich von klassischer Krisen-PR?

Klassische Krisen-PR richtet sich vor allem über Tagesmedien und Pressearbeit an Menschen. Krisenkommunikation in der KI-Ära adressiert zusätzlich KI-Suchsysteme. Diese Systeme geben in den ersten Stunden einer Krise bereits Antworten an Stakeholder aus - oft schneller, als das offizielle Statement sichtbar wird. Die Grundlogik bleibt, aber Zielgruppen und Werkzeuge erweitern sich.

Wie korrigiere ich Falschinformationen, die ChatGPT, Perplexity oder Google AI über mein Unternehmen verbreiten?

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen trainingsbasierten Systemen wie ChatGPT und Claude und retrieval-basierten Systemen wie Perplexity oder Google AI Mode. Bei retrieval-basierten Systemen wirken Korrekturen oft binnen Tagen, sobald neue Inhalte indexiert sind. Bei trainingsbasierten Systemen helfen drei Hebel: Originalquellen korrigieren, eigene Kanäle zitierfähig stärken und LLM-Seeding über Einordnungsmedien betreiben.

Welche Tools eignen sich für KI-Monitoring im Krisenfall?

Profound, Peec AI, Otterly oder ZipTie zeigen, wie ChatGPT, Perplexity oder Google AI Mode ein Unternehmen aktuell darstellen. Kombiniert mit klassischem Medienmonitoring, etwa Cision, Meltwater oder Talkwalker, entsteht ein Gesamtbild über alle Kanäle. Details zur strukturellen Einbettung dieser Tools beschreibt unser Beitrag zu strategischem Medienmonitoring.

Was verlangt der EU AI Act ab August 2026 von Unternehmen?

Drei Punkte sind für Kommunikationsabteilungen besonders relevant: Kennzeichnungspflichten für KI-generierte Inhalte und Deepfakes, Transparenzpflichten bei automatisierter Kommunikation, zum Beispiel KI-Chatbots im Kundenservice, und neue Rechtsmittel bei Deepfake-Vorwürfen. Die Wettbewerbszentrale hat im Februar 2026 einen praxisorientierten Leitfaden veröffentlicht.

Wie groß ist das Risiko, dass KI veraltete Krisennachrichten dauerhaft erzählt?

Das Risiko ist erheblich. KI-Systeme, die auf älteren Trainingsdaten basieren, können Krisennarrative über Monate oder Jahre lebendig halten - selbst wenn das Thema in der klassischen Presse längst erledigt ist. Die Antwort darauf ist kontinuierliches KI-Monitoring und gezieltes LLM-Seeding. Mehr dazu in Teil 5: Reputation in der KI-Ära

Fazit: Krisenkommunikation muss ab 2026 auch KI-Systeme mitdenken

Wer 2026 in der Krise nur an Tagesmedien denkt, übersieht einen entscheidenden Teil der öffentlichen Wahrnehmung: KI-Suchsysteme greifen Krisen auf, verdichten sie und erzählen sie weiter – oft binnen Stunden, manchmal über Jahre. Wer Holding Statements deshalb zugleich für Menschen, Suchmaschinen und KI-Systeme entwickelt, gewinnt Geschwindigkeit, Deutungshoheit und langfristige Reputationsstabilität.

Die Disziplin ist neu, aber die Werkzeuge sind bereits vorhanden. Entscheidend ist, sie systematisch in die Krisenkommunikation zu integrieren: von neuen Krisentypen über KI-taugliche Holding Statements bis hin zu Korrekturmechanismen, 72-Stunden-Plan und angepassten Teamstrukturen. Wer hier früh investiert, stärkt die eigene Reaktionsfähigkeit, bevor der Ernstfall eintritt.

Sie wollen Ihre Krisenkommunikation für die KI-Ära fit machen? Als Münchner Agentur für Krisen-PR und Unternehmenskommunikation entwickeln wir Holding-Statement-Templates, 72-Stunden-Pläne und KI-Korrektur-Workflows für Ihren Krisenstab. Wir verbinden klassische Krisen-PR mit Generative Engine Optimization (GEO) zu einer integrierten Strategie.

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Quellen

FTI Consulting (2025): KI-Reputationsmonitor - Was sagt ChatGPT über die DAX40-Unternehmen?, Mai/Juni 2025, qualitative Inhaltsanalyse aller 40 DAX-Unternehmen und CEOs nach sieben Risikodimensionen. https://fticommunications.com/fti-consulting-ki-reputationsmonitor-2025-was-sagt-chatgpt-uber-die-dax40-unternehmen/https://fticommunications.com/fti-consulting-ki-reputationsmonitor-2025-was-sagt-chatgpt-uber-die-dax40-unternehmen/

KOM-Magazin (Carolin Sachse-Henninger): Intelligent durch die Krise – KI in der Krisenkommunikation, 9. Juni 2025 (mit Praxiseinblicken aus Boehringer Ingelheim, Clariant, Siemens Healthineers, Audi sowie Statements von Kerstin Steglich/Ketchum). https://www.kom.de/analyse/intelligent-durch-die-krise/

WirtschaftsWoche Management-Blog (Claudia Tödtmann mit Hans-Patrick Schroeder und Sarah Hillebrand/Freshfields): Wenn Deepfakes Unternehmen gefährden, 7. April 2026. https://blog.wiwo.de/management/2026/04/07/wenn-deepfakes-unternehmen-gefaehrden/https://blog.wiwo.de/management/2026/04/07/wenn-deepfakes-unternehmen-gefaehrden/

Allianz Trade: „Alarmstufe KI: Schäden durch Fake-President-Betrug vervielfachen sich“.
https://www.allianz-trade.de/presse/pressemitteilungen/alarmstufe-ki-schaeden-durch-fake-president-betrug-vervielfachen-sich.html

Gartner Survey Reveals Generative Artificial Intelligence Attacks Are on the Rise (2025).
https://www.gartner.com/en/newsroom/press-releases/2025-09-22-gartner-survey-reveals-generative-artificial-intelligence-attacks-are-on-the-rise

Bundesverband der Kommunikatoren (BdKom): KI-Studie Dezember 2024 (ca. 50 % der Kommunikationsverantwortlichen nutzen KI in der Unternehmenskommunikation). https://www.bdkom.de/veroeffentlichungen/

Cision: 2025 State of the Media Report, 7. Mai 2025 (n > 3.000 Journalist:innen in 19 Märkten). https://www.cision.com/resources/guides-and-reports/2025-state-of-the-media-report/

Edelman: 2026 Trust Barometer – Deutschland, Januar 2026. https://www.edelman.com/de/de/trust/2026/trust-barometer

121Watt: LLM Seeding – Wie mache ich meine Marke in LLMs sichtbar? (GEO/LLMO Teil 6). https://www.121watt.de/newsletter/kuenstliche-intelligenz/llm-seeding-teil-6-geo-llmo/

Wettbewerbszentrale: Leitfaden Kennzeichnung KI-generierter Inhalte, Februar 2026. https://www.wettbewerbszentrale.de/wp-content/uploads/2026/02/2026_2_Leitfaden_KI_generierte_inhalte_1-1.pdf

EU AI Act, Volltext der Verordnung: https://artificialintelligenceact.eu/

consense communications (2026): Beratungspraxis und Klientendaten. 

Diese Artikel-Serie auf einen Blick

Dieser Artikel ist Teil 6 einer siebenteiligen Serie zu KI in der Kommunikation und Generative Engine Optimization (GEO).

Teil 1 KI als neue Zielgruppe: Wie GEO die Arbeit von Kommunikationsabteilungen ab 2026 verändert

Teil 2 Welche Kanäle die KI-Suche zitiert – und wie Unternehmen 2026 ihre Reputation steuern

Teil 3 Schreiben für KI nach dem E-E-A-T-Prinzip: Wie Website-Content und Pressebeiträge zitierfähig werden

Teil 4 KI-Texte in der Praxis: KI-Tools und Prompt-Vorlagen für Kommunikationsteams

Teil 5 Reputation in der KI-Ära: Wie Unternehmen 2026 ihr Markenbild in der KI-Suche steuern

Teil 6 Krisenkommunikation in der KI-Ära (jetzt): Wenn KI Ihre Krise erzählt

Teil 7 Smart Brevity vs. GEO: Das Trilemma der KI-Texte – wie Kommunikationsteams für KI, Google und Mensch gleichzeitig schreiben

Neue Artikel erscheinen wöchentlich. Wenn Sie keinen Beitrag verpassen wollen, folgen Sie der Autorin Claudia Thaler auf LinkedIn.

Mehr zu unseren Insights

Diese Artikelserie ist Teil einer Reihe von consense Artikeln zur Krisenkommunikation. Die wichtigsten Anschlussartikel:

Krisenkommunikations-Reihe von consense:

Krisenkommunikation 2026: Mit diesen 5 Trends stärken Sie die Resilienz Ihrer Organisation – Strategischer Überblick: Agile Crisis Squads, Pre-bunking, Deepfake-Defense, Predictive Monitoring und GEO als fünf Trends, die Krisenkommunikation 2026 prägen.

Holding Statement in der Krise: Was Sie in den ersten 60 Minuten sagen müssen – Operative Tipps für die ersten 60 Minuten: Drei-Satz-Fundament, Zeitstempel, Legal-Review, One-Voice-Prinzip und die handwerklichen Grundregeln, auf denen dieser Beitrag aufbaut.

Aus der GEO-Serie:

Reputation in der KI-Ära: Was ChatGPT über Ihr Unternehmen sagt (Teil 5 dieser Serie) – Strukturelles Monitoring und aktive Steuerung des KI-Narrarivs. Diese Grundlage trägt auch die Krisenkommunikation in der KI-Ära.

Welche Kanäle die KI-Suche zitiert – und wie Unternehmen 2026 ihre Reputation steuern (Teil 2 dieser Serie) – Die Kanal-Logik der KI-Suche: Owned, Einordnungsmedien, Plattformen. Wer in der Krise weiß, welche Kanäle KI-Systeme zuerst zitieren, reagiert gezielter.

Einordnungsmedien als neue Autoritätsinstanzen – Welche redaktionellen Formate KI-Systeme als Autorität anerkennen und wie LLM-Seeding über Einordnungsmedien funktioniert.

Die Autorin Claudia Thaler ist Geschäftsführerin der PR-Agentur consense communications GmbH (GPRA) in München. Seit über 25 Jahren begleitet sie mittelständische Unternehmen, DAX-Konzerne und NGOs in den Bereichen Change, Krisenkommunikation, interne Kommunikation und Reputationsmanagement. Seit 2024 liegt ihr Schwerpunkt auf KI-getriebenen Veränderungen in der Kommunikation. → Vollständiges Autorenprofil auf dieser Website · Claudia Thaler auf LinkedIn.

Die Autorin hat diesen Artikel auf Basis ihrer fachlichen Expertise und mit Unterstützung von Claude Opus 4.7 sowie ChatGPT erstellt. Credits Bild: metamorworks (iStock).

Claudia Thaler
Author:in Claudia Thaler

Geschäftsführerin consense communications GmbH (GPRA) Expertin für Strategie-, Change- und Krisenkommunikation sowie zertifizierte systemische Coachin und Organisationsentwicklerin. Strategin für Kommunikation im KI-Zeitalter.